Früher hieß es: Schule, Ausbildung, Vollzeitjob bis zur Rente mit 67. Aber immer mehr Menschen suchen nach anderen Wegen. Kein Wunder, dass Frugalismus immer beliebter wird.

Was jeder über Frugalismus wissen sollte

Früher hieß es: Schule, Ausbildung, Vollzeitjob bis zur Rente mit 67. Aber immer mehr Menschen suchen nach anderen Wegen. Kein Wunder, dass Frugalismus beliebter wird. Die Idee? Durch schlaues Sparen und Investieren weniger arbeiten oder sogar früher in Rente gehen. Vielleicht ist das auch etwas für dich.

Dieser Artikel gibt Einblicke in den Alltag von Frugalisten und bietet praktische Tipps, wie du Frugalismus und die damit verbundene finanzielle Freiheit in deinem Leben umsetzen kannst.

Definition von Frugalismus

Frugalisten sind Menschen, die aus dem Hamsterrad der Arbeitswelt ausbrechen wollen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie sie möglichst früh finanziell unabhängig von ihrem Einkommen werden, also nur noch von ihrem angesparten Vermögen leben. Dafür achten sie auf bewussten Konsum, leben sparsam und investieren ihr Geld gewinnbringend.

Die Bewegung begann etwa während der Finanzkrise 2007/2008 in den USA. Früh zeichneten sich zwei prominente Frugalisten ab, darunter der Däne Jacob Lund Fisker und der Kanadier Pete Adeney – besser bekannt als Mr. Money Mustache.

Doch die Idee des sparsamen Lebens ist nicht neu; schon bei den alten Griechen war sie bekannt. Darüber hinaus legen Religionen großen Wert auf Verzicht. Wobei Achtsamkeit als Schlüssel dafür gilt.

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Frugalismus oder Minimalismus?

Minimalismus und Frugalismus mögen auf den ersten Blick ähnliche Schwerpunkte haben: beide konzentrieren sich darauf, bewusst zu konsumieren und Überflüssiges loszuwerden. Aber sie unterscheiden sich in ihren Zielen.

Minimalismus bedeutet, sich von belastenden Dingen oder Beziehungen zu befreien, um sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Frugalismus geht noch weiter und strebt finanzielle Unabhängigkeit an. Man spart gezielt Geld, investiert klug und möchte langfristig weniger arbeiten müssen.

Beide Lebensstile helfen, ein einfacheres und erfüllteres Leben zu führen.

Ab wann bist du finanziell unabhängig?

Finanzielle Unabhängigkeit ist also das Ziel der Frugalisten. Doch wann ist die genau erreicht? Frugalisten haben dafür einen Betrag X, den sie ansparen müssen. Sie versuchen, das 25-fache ihrer jährlichen Ausgaben zu sparen und zu investieren. Das machen sie, indem sie jeden Euro in ein breit gestreutes Aktien-ETF-Portfolio stecken, das durchschnittlich 5 % Rendite bringt. Zumindest war das in Vergangenheit so.

Nun lässt es sich mit der Sparquote leicht ausrechnen, wann die finanzielle Freiheit erreicht ist: Wenn du zum Beispiel die Hälfte seines Einkommens sparst, braucht es ungefähr 17 Jahre, um diese Unabhängigkeit zu erreichen. Bei 60 % Sparquote dauert das noch um die 12 Jahre.

Die Regel mit dem 25-fachen der Jahresausgaben wird auch 4 %-Regel genannt. Denn faktisch nutzt der Frugalist jedes Jahr 4 % seines Ersparten als Rente.

Welches Taschengeld-Modell ist am besten geeignet? Lernen für die Zukunft: Taschengeld ab wann? Wir haben alle Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle hier zusammengefasst!

Vorsicht bei der 4 % Regel!

Finanzexperten sind der Meinung, dass die 4 % – Regel mittlerweile widerlegt ist. Sie wurde an der Trinity University in Texas im Jahr 1998 berechnet. Dabei nahmen die Forscher an, dass das Kapital 30 Jahre lang reichen soll. Für eine Frührente mit 40 reichen jedoch 30 Jahre Entnahmephase nicht aus! Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen heutzutage liegt bei über 90 Jahren. Das Geld für Frührentner sollte mindestens 50 Jahre lang reichen. Dazu kommt, dass Steuern auf die Gewinne nicht berücksichtigt werden bei der 4 %-Regel.

Willst du dir ein genaueres Bild machen, dann nutze den Entspar-Simulator von der Uni Mannheim.

Einfacher Rechner für die finanzielle Unabhängigkeit

Wenn du herausfinden möchtest, wann du finanziell frei sein könntest, steht hier ein einfacher Rechner für dich bereit. Alles, was du tun musst, ist, deine monatlichen Ausgaben einzutippen und anzugeben, wie viel Risiko du in der Ruhestandphase eingehen möchtest.

Dabei gibt es zwei Annahmen:

  1. Je älter du bist, desto höher könnte deine Entnahmerate sein. Zum Beispiel kannst du mit 70 Jahren ohne große Bedenken 4 % deines Ersparten pro Jahr entnehmen.
  2. Je mehr Risiko du am Kapitalmarkt akzeptierst, desto höher kann deine Entnahmerate sein. Wenn du zum Beispiel 40 Jahre alt bist, aber ein Zusatzeinkommen hast und Kurseinbrüche gut verkraftest, könnte eine Entnahmerate von 3,5 % passend für dich sein.

Vielleicht bist du jetzt etwas ernüchtert, weil das Kapital, um finanziell frei zu sein, so hoch sein muss. Es ist aber für manche realistisch, mit einem durchschnittlichen Einkommen finanziell unabhängig zu werden oder zumindest weniger zu arbeiten. Der Schlüssel dazu ist sparen und anlegen. Selbst, wenn du nur einen zweistelligen Betrag jeden Tag zur Seite legst! Durch den Zinseszinseffekt wird daraus ein Vermögen. Wie das geht? Das erfährst du hier:

Strategien für ein frugales Leben

Die Frugalisten haben eigene Regeln, die ihnen das Sparen im Alltag erleichtern. Denn wir tappen alle in die gleiche Falle: Kleine Eurobeträge übersehen wir, doch im Summe machen gerade sie den Unterschied. Besonders beliebt sind die 752-Regel, die 173-Regel und die 300er-Regel, um das zu veranschaulichen.

Neben den Regeln, welche Strategien haben sich grundsätzlich für das langfristige Sparen bewährt?

✔️ Ein Haushaltsbuch zu führen ist eine frugale Angewohnheit, die hilft, Ausgaben im Blick zu behalten und unnötige Kosten zu vermeiden. Führe über mehrere Monate ein Haushaltsbuch und entdecke so Sparpotenziale. Das Haushaltsbuch hilft mir zumindest dabei – alternativ könntest du auch eine kostenlose App wie Finanzguru benutzen. So berechnest du deine Sparquote und erhöhst sie Schritt für Schritt. Die Möglichkeit zu Budgetieren bei Finanzguru finde ich sehr hilfreich.

✔️ Das Reparieren von Gegenständen anstatt sie zu ersetzen, ist nicht nur nachhaltig, sondern spart auch bares Geld. Frugalisten sind wahre Bastler und Hobbyhandwerker.

✔️ Selbermachen, von Hustensaft bis Deocreme, ist günstig und vermeidet unnötigen Müll. Frugalismus bedeutet also nicht nur Sparen, sondern eine nachhaltige Lebensweise.

10 Spartipps von Frugalisten

Nun hast du die 752-Regel und die 173-Regel kennengelernt. Sie helfen zu verstehen, wie viel du in 10 Jahren im Depot hast, wenn du heute etwas einsparst. Es gibt aber noch mehr konkrete Spartipps im Alltag:

Meal-Prepping

Nutze eine Essensplan-Vorlage und überlege Anfang der Woche, welche Gerichte du essen möchtest. Nutze an mindestens 3 Mahlzeiten die Reste der Mahlzeit davor.

Foodsharing mit Apps

Vor allem im städtischen Bereich bieten viele Geschäfte und Restaurants Lebensmittel zu vergünstigten Preisen, die sie sonst wegwerfen müssten. Du findest sie zum Beispiel auf togoodtogo.de.

Fahrrad fahren

Fahre kurze Strecken mit dem Fahrrad anstelle des Autos, um Benzin zu sparen. Bei kurzen Strecken braucht der Motor besonders viel Benzin, um auf Betriebstemperatur zu kommen.

Notgroschen ansparen

Spare einen ausreichend hohen Notgroschen an, um unvorhergesehene Kosten wie die kaputte Waschmaschine zu bezahlen, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen.

Versicherungen prüfen

Versicherungen sind dafür da, vor existentiellen Risiken zu schützen. Prüfe, ob du die Versicherungen wirklich benötigst, die du abgeschlossen hast. Versicherungen für Konsumgüter wie Smartphones sind teurer als der tatsächliche Schaden, der dir entsteht.

Stromanbieter wechseln

Für Neukunden bieten Stromanbieter hohe Rabatte. Nach ein oder zwei Jahren sind die Tarife aber wieder teuer. Es gibt jedoch Dienstleister, die jedes Jahr den günstigsten Tarif für dich finden! eSave.de oder Wechselpilot.com sind zwei gute Anbieter. Sie verlangen zwar eine kleine Gebühr, übernehmen aber in deinem Namen die Kommunikation mit dem Strom- und Gasanbieter. Du musst dich also um nichts mehr kümmern und sparst automatisch.

Bibliotheksmitgliedschaft beantragen

Nutze Büchereien deines Ortes für kostenlose Bücher, Filme und Musik. Dann brauchst du keine teueren Bücher kaufen oder ein Netflix-Abo abschließen

Keinen Weichspüler benutzen

Weichspüler gehören für viele bei der Wäsche einfach dazu. Um die Kleidung sauber zu bekommen, sind diese jedoch nicht notwendig. Sie machen alles nur weich und duftend. Der Preis dafür ist aber hoch. Weichspüler sind nicht nur schädlich für die Umwelt, sie können auch die Atemwege und zarte Haut von Babys und Kleinkindern reizen.

Wasser im Topf mit Deckel kochen

Auf der großen Herdplatte kostet das Kochen von Wasser mit Topfdeckel pro halben Stunde 15 Cent. Ohne Deckel kostet dich das dreimal so viel! Als ich das gehört habe, beschloss ich sofort, nur noch mit Topfdeckel zu kochen. Der Wasserkocher ist auch eine günstige Alternative.

Kaffeesatz verwenden

Kaffeesatz gehört zu den am meisten unterschätzten Abfallprodukten im Haushalt, mit denen sich viel Geld sparen lässt! Wusstest du, dass Kaffeesatz ein ausgezeichneter Dünger für Garten und Zimmerpflanzen ist? Oder dass er Haut und Haar natürlich pflegt und sich als tolle Peeling-Alternative sowie als Haarkur eignet? Er absorbiert schlechte Gerüche und eignet sich als Putzmittel.

Normalo vs. Frugalist: Wie hoch ist die Ersparnis nach 10 Jahren?

Mit einfachen Veränderungen im Alltag sparst du über 25.000 Euro nach 10 Jahren. Auf Frugalisten.de habe ich eine praktische Beispielrechnung gefunden, die diese These unterstützt.

Erfolgsgeschichte mit durchschnittlichem Einkommen

In Deutschland ist wohl Oliver Nölting der berühmteste Frugalist. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, mit 40 finanziell frei zu sein. Trotz Familie mit Kindern und einem Job mit durchschnittlichem Einkommen.

Er wird das wohl schaffen, weil er radikal spart bei den größten Ausgaben einer Familie. Eine kleine Mietwohung reicht den Dreien aus, sie gehen selten Essen und reparieren alle Dinge des täglichen Gebrauchs selbst. Urlaube verbringen sie lieber mit Freunden in der Region, anstatt in der Ferne. Dadurch erreichen sie gemeinsam eine Sparquote von über 70 %.

Podcast-Interview mit Oliver Nölting

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Unterschiedliche Formen von Frugalismus

In den USA hat sich der Begriff “FIRE” (Financial Independence, Retire Early) statt “Frugalismus” durchgesetzt. Dort ist die Bewegung auch besser bekannt und es gibt schon Nebenströmungen:

Lean FIRE

Lean FIRE bezieht sich auf den Frugalismus mit dem Ziel der finanziellen Unabhängigkeit und frühen Rente. Hier versuchen Menschen, mit einem minimalistischen Lebensstil und niedrigen Ausgaben frühzeitig genug Geld anzusparen, um nicht mehr traditionell arbeiten zu müssen.

Fat FIRE

Im Gegensatz dazu steht Fat FIRE, bei dem Menschen darauf abzielen, mehr finanzielle Ressourcen anzusammeln, um einen komfortableren Lebensstil nach der finanziellen Unabhängigkeit zu führen. Es geht dabei nicht nur darum, zu überleben, sondern auch um den Erhalt eines höheren Lebensstandards.

Barista FIRE

Dieser Begriff bezieht sich auf die Idee, dass jemand vielleicht nicht vollständig in den Ruhestand geht, sondern eine weniger anspruchsvolle, oft teilzeitliche Arbeit aufnimmt, um die finanzielle Unabhängigkeit zu unterstützen. Der Begriff “Barista” symbolisiert dabei oft eine weniger stressige und erfüllendere Beschäftigung.

Soft Saving

Seit kurzem gibt es eine Gegenbewegung zum “Frugalismus” namens “Soft Saving“. Dieser Trend zeigt sich bei der neuesten Generation, der Generation Z. Obwohl Gen Z Interesse daran hat, das Sparen und Investieren zu lernen, ist der Ansatz sanfter. Sie bevorzugen es, heute etwas zu investieren in das persönliche Wachstum, anstatt für eine unbekannte Zukunft zu sparen.

Kritik am Frugalismus

Der Frugalismus polarisiert. Nicht alle können die extreme Sparsamkeit nachvollziehen oder sehen den Konsumverzicht kritisch für unsere Wirtschaft. Hier die häufigsten Kritikpunkte gegen den FIRE-Bewegung.

Nur für überdurchschnittliches Einkommen

Ein häufig geäußerter Einwand ist, dass sich nur Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen die finanzielle Unabhängigkeit leisten können. Das macht diese Lebensweise für viele unerreichbar.

Ein Trend für bestimmte Gruppen

Zudem wird bemängelt, dass der Frugalismus ein Trend ist für bestimmte Gruppen, insbesondere “Tech-Bros”. Frauen sind in diesem Bereich unterrepräsentiert. Es gibt aber auch Frauen in der Frugalismus-Szene.

Frugalismus verdirbt die Laune

Kritiker argumentieren, dass die Konzentration auf finanzielle Unabhängigkeit dazu führt, dass man im Hier und Jetzt zu viele Opfer bringt. Vor allem das soziale Netzwerk könnte kleiner werden.

Arbeit ist auch Lebensqualität

Eine erfüllende Arbeit kann auch ein Stück Lebensqualität sein. Wenn man mit der Arbeit unzufrieden ist: Wäre es nicht besser, den Job zu wechseln oder neue Fähigkeiten zu erlernen, anstatt viele Jahre zu warten, um irgendwann finanziell frei zu sein?

Frugalismus ist nicht möglich mit Kindern

Die Umsetzung von Frugalismus mit Kindern oder während der Pflege von Familienangehörigen scheint für viele als aussichtslos.

Frugalismus ist ein Hype

Einige Finanzexperten wenden ein, dass Frugalismus nur ein Produkt der Aktienhausse der letzten 15 Jahre war. Bei den stark steigenden Börsenkursen der letzten Jahre waren Renditen von über 20 % pro Jahr möglich. Ob das in den kommenden Jahren so sein wird, bezweifeln einige. Immerhin, auch über den langen Zeitraum von 120 Jahren war die Performance von einem breit gestreuten ETF-Portfolio profitabel mit über 5 % Rendite pro Jahr (inklusive Inflation).

Ausblick Frugalismus

Frugalismus ist eine weiterhin kontroverse, aber auch wachsende Bewegung. Während einige den bewussten Konsum und die finanziellen Unabhängigkeit unterstützen, gibt es weiterhin Kritikpunkte. Darunter die Frage, wie das Menschen mit niedrigerem Einkommen schaffen sollen und die Wahrnehmung als Lifestyle-Trend für Tech-Bros.

Ein ausgewogener Ansatz, der finanzielle Ziele mit einem sinnvollen und erfüllenden Lebensstil verbindet, könnte den Frugalismus für mehr Menschen zugänglicher machen. Das ist auch eines der Ziele, die wir hier auf Happyminimalist.net verfolgen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich der Frugalismus weiterentwickelt und inwiefern sich die allgemeine Einstellung zu Konsum und zur Arbeit verändert.

Hast du vor, in ein paar Jahren finanziell frei zu werden? Wie gehst du die Sache an?

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